Montag, 18. Mai 2009

Singen und Notenlesen sind keine schwarze Kunst.

Gestern sang die Schola in klei­ner Be­setz­ung. Wir waren zu zweit, ohne Organist und Kantor. Der hatte sich nach Italien ab­ge­setzt. Eine Stunde vor der Messe trafen wir uns, um gemein­sam das Proprium durch­zusingen. Unter der Woche hatten wir jeder für sich geübt. Dazu bedurfte es - um dem Ein­druck der Mühe­losig­keit vor­zu­beugen - durchaus der ein oder anderen Stunde. Das Ordina­rium muß dann so gehen. Schließlich singen wir an allen Sonn­tagen zwischen Ostern und Pfingsten die erste Messe, das Proprium aber nur an einem Sonn­tag.

Die Gemeinde singt in der Oster­zeit vor der Messe das vidi aquam: "Ich sah Wasser fließen aus der rechten Seite des Tempels, Alleluia, und alle, zu denen es kam, wurden heil, und sie werden sagen: Alleluia, Alleluia. Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig." Ein Text, der über das Buch Ezekiel auf die geöffnete Seite des Gekreuzig­ten und auf die Gnade der Taufe verweist. Eine, wie ich finde, wunder­bare Verbin­dung von Wort, Sinn und Klang zum Gebet, mit einem Wort: Choral.

Daß die Gemeinde Teile des Chorals selber singt ist erst mit der Wieder­ein­führung des Chorals Anfang des zwanzig­sten Jahr­hunderts ein­ge­führt worden. In seinem motu proprio Tra le sollecitudini erklärt Pius X., daß die Kirchen­musik das Ziel habe, die Gläubigen aus ihrem profanen Alltag näher an Gott zu führen. Notwen­dig seien Heilig­keit, Univer­sa­li­tät und wahre Kunst. Im Choral fänden sich diese in höch­stem Maße. Der Choral sei somit der der Kirche eigene Gesang. Auch die Gemeinde, erklärt der Heilige, solle den Choral singen, damit sich die Gläubigen - wen wundert es - wieder aktiver an der Messe betei­ligen.

Der Priester stimmte also das vidi aquam an. Die Orgel setzte ein. Die Orgel spielte. Ich sang. Von der Empore hörte ich die Orgel - und mich. Wo war die Gemeinde? Ein Blick über die Brüstung. Alle waren noch da. Etwas mehr als hundert standen zwischen den Bänken. Die meisten hielten die Lippen ge­schlossen und sahen mit stoischer Ruhe auf das Geschehen im Altarraum, manche hielten sich an ihren Messbüchern fest.

Ich sang etwas lauter. Einige faßten Mut und fingen ebenfalls an zu singen, leider nicht mit uns, sondern zwei Töne hinter uns, zum Teil zwei Töne über uns. Die Orgel spielte weiter. Ich sang weiter. Die Gemein­de nahm Fahrt auf - und sang weiter hinter­her. Da sich die Gemeinde nicht ent­schließen konnte auf­zu­schließen, ließen wir uns zurück­fallen. Die Orgel wurde lang­samer. Die Gemeinde wurde lang­samer. Um zu hören, was die Gemeinde singt, sang ich leiser: der Gemeinde­gesang erstarb.

Ich sang etwas lauter. Einige faßten Mut und fingen eben­falls an zu singen, leider nicht mit uns, sondern zwei Töne hinter uns, zum Teil zwei Töne über uns. Die Orgel spielte weiter. Ich sang weiter. Die Gemeinde nahm Fahrt auf - und sang weiter hinter­her. Da sich die Gemeinde nicht entschließen konnte auf­zu­schließen, ließen wir uns zurück­fallen. Die Orgel wurde langsamer. Die Gemeinde wurde langsamer. Um zu hören, was die Gemeinde singt, sang ich leiser: der Gemeindegesang erstarb.

Ich sang etwas lauter ... Heiliger Pius, bitte für uns, ...

Kommentare:

David Ianni hat gesagt…

Grandios beschrieben. ;)

Johannes hat gesagt…

Ja, ich fühle mit Dir.Manchmal möchte ich die Gemeinde packen und zu einem Zwangswochenendkurs im Choralsingen verdonnern. Was soll die participatio actuosa, wennkeiner Lust darauf hat.

Tiberius hat gesagt…

Danke!